Da gab es aber auch einen anderen Grund: Birkenstock kriegt Anfang der Neunziger eine ganze Reihe schlechter Presse. Der liebe Karl ist nämlich ein eiskalter Patriarch, der angeblich über die Belegschaft herrschen soll und seine Mitarbeiter am liebsten ausbeutet. Sagen die einen. Die anderen sagen, er ist auf Effizienz getrimmter Highperformer. Eine Unterfirma organisiert 1993 Betriebsratswahlen, um zum Beispiel unbezahlte Überstunden zu verbieten, Männer und Frauen gleich zu bezahlen oder Parkbänke für die Mittagspause zu bauen. Und was macht der liebe Carl? Stellt sich angeblich auf die Bühne und droht allen 1800 Mitarbeitern mit Entlassung. Die Leute von der Gewerkschaft sollen aus seiner Sicht „verantwortungslose Chaoten“ sein und die Medien würden andauernd nur rumlügen.
Karls Plan? Die Unterfirma dichtmachen, damit die Betriebsräte ihre Jobs verlieren, alle anderen bei der „freiwilligen Kündigung“ zu unterstützen. Cool. Und alle, die die freiwillige Kündigung nicht unterschreiben, sollen von ihm systematisch gemobbt worden sein. Zum Beispiel lässt er angeblich Leute, die er konsequent „Deppen“ nennt, einfach ohne was zu tun in kalten Lagerhallen stehen.
Die anderen landen stattdessen einfach in einer anderen von Carls Tochterfirmen. Jetzt dürft ihr raten, ob die einen Betriebsrat hatte oder nicht.
Das Ganze geht so weit, dass sein Sohn Christian sogar einige Drohbriefe bekommt und es mehrere Anschläge mit Molotow-Cocktails auf die Produktionshallen gibt. Die WirtschaftsWoche schreibt damals von einem „Horrorladen“. Selbst die Staatsanwaltschaft ermittelt damals. Erst im Jahr 1997 einigen sich alle Parteien auf eine Abfindung, die Unterfirma macht dicht. (https://taz.de/!1415761/, Ganzer Part: Ein langer Marsch im Sandalenkrieg, Süddeutsche Zeitung, Montag, 12 August 1996, S.3, Patriarch sucht Anerkennung, Der Tagesspiegel, 21. Juli 1996)